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HWC 2011 in Paris: Les Petits Suisses ganz gross

Beim 9. Homeless World Cup wächst die Surprise Nationalmannschaft über sich hinaus und erreicht am Fuss des Eiffelturms die bislang beste Schweizer Platzierung. Auch neben dem Feld zeigen die sieben Spieler Grösse.

Die Schweizer Nati feiert, v.l.: Ali Khavari, Stefan Erni, Murat Kusoglu, Livio Domeniconi (Coach-Assistent), Pascal Fust, Reza Amiri, Günther Rothenfluh, Marco Zanni.

Zwei Minuten können unerträglich lang sein. Etwa, wenn die Schweizer Nationalmannschaft im Viertelfinal um den Host Cup gegen Slowenien kurz vor Schluss mit einem Tor in Führung liegt. Das eine Tor ist ein kleiner Vorteil, Resultatverwalten ist im schnellen Streetsoccer jedoch die schlechteste aller Taktiken. Eine kurze Unachtsamkeit reicht, und das Spiel ist wieder offen. Zum Glück unterläuft sie dem slowenischen Torwart. Er bringt einen Rückpass nicht unter Kontrolle, was Stürmer Pascal «Paco» Fust eiskalt ausnutzt und zum 5:3 einschiebt. Kurz darauf setzen die Schweizer noch ein Tor drauf, und mit dem Abpfiff liegt sich das Team in den Armen. Mit dem Sieg ist das sportliche Ziel beim Homeless World Cup (HWC) erreicht.

Die Halbfinalqualifikation im Host Cup, der vierten der sechs Cup- Kategorien beim Homeless World Cup, bedeutet zugleich, dass die Schweiz den HWC unter den 30 besten Nationen beenden wird. Das scheint auf den ersten Blick vielleicht keine grosse Leistung zu sein. Doch mit jedem Jahr wächst beim HWC nicht nur die Anzahl der teilnehmenden Nationen, auch das Niveau dieser Weltmeisterschaft der Obdachlosen steigt mit jeder Ausgabe. 64 Nationen massen sich in Paris, bei der Premiere 2003 in Graz waren es noch 18 Mannschaften, gebildet aus Strassenmagazin-Verkäufern. Heute selektionieren Nationen wie Mexico ihre Auswahl aus einer Obdachlosen-Liga von 18000 Spielerinnen und Spielern. Englands Mannschaft wird von Manchester United betreut, die französische steht unter dem Patronat von Paris Saint-Ger- main. Trotzdem lässt die Schweizer Auswahl der rund 150 Spieler zählenden Schweizer Surprise Strassensport Liga «les Bleus» oder auch die Deutschen hinter sich und beendet die Weltmeisterschaft nach sieben Spieltagen auf dem 28. Rang. Man kann auch ohne Schönfärberei sagen: Die Schweizer wurden vierte der unteren HWC-Stärkeklasse. Denn gemäss dem Turniermodus wird das Teilnehmerfeld nach der ersten Grup- penphase zweigeteilt. Der Host Cup ist die höchste Kategorie der unteren Stärkeklasse. Mit etwas mehr Glück gegen die USA und Ghana hätte sich die Schweiz sogar für die bessere Tableauhälfte qualifizieren können. «Klar war ich nach den ersten fünf Spielen enttäuscht. Aber im Nachhinein hab ich lieber unten gespielt und eine Siegesserie hingelegt», bringt Team-Senior Günther Rothenfluh die Stimmung in der Mannschaft auf den Punkt. Tatsächlich gelangen der Nati in der zweiten Gruppenphase vier Siege in Serie, und die Schweiz wurde Gruppensieger. Rothenfluh: «So schlecht waren wir Spieler eben doch nicht. Und da wir seit dem Trainingslager immer viel Spass hatten und sich jeder für jeden einsetzte, wurden wir auch auf dem Spielfeld immer besser.»

Tatsächlich gelang es dem Team – trotz aller Unterschiede betreffend Herkunft, Alter und Lebensgeschichte – eine starke Einheit zu bilden. Zusätzlich zu den Teamsitzungen mit dem Coach und dem Betreuerstab organisierten die Spieler eigene Mannschaftssitzungen. «Wir waren zwei Wochen wie eine Familie, und ich bin stolz darauf, das beste HWC- Resultat einer Schweizer Mannschaft überhaupt erreicht zu haben», ergänzt Filigrantechniker und Dauerläufer Reza Amiri. Freunde und Ver- wandte in Afghanistan und Iran verfolgten die Spiele des Flüchtlings im Schweizer Team im Internet und fieberten mit. Der 12:1 Sieg über Spa- nien brachte Teamleader Marco Zanni Komplimente von seinem Cousin, Profifussballer Reto Zanni ein. Zanni lachend: «Ich hab ihm gesagt, es sei ein hartes Spiel gewesen. Dass die nun wirklich nicht unsere härte- sten Gegner waren, muss er ja nicht wissen.»
Im Halbfinal stoppte dann Argentinien, vor allem deren Nummer 10, den Lauf der Schweiz. Im Platzregen wurden die Eidgenossen gleich mit 10:5 vom Feld geschwemmt. Und weil die Schweizer den letzten Gegner Kirgistan unterschätzten, wurde es halt Platz 28 statt 27. Es schmälerte weder die Freude der Spieler noch das Glanzresultat für die Schweiz: Ein Cup höher gespielt und um acht Plätze im Gesamtranking verbessert. Bravo!
Und etwas Luft nach oben muss für die kommenden Nationalmannschaften ja noch bleiben.

Weltmeister wurde bei den Männern übrigens Schottland, bei den Frauen Kenya. Mehr Info & alle Spiele zum Anschauen auf: www.homelessworldcup.org

 

Die Resultate

Group Stage
Holland – Schweiz: 9:2
USA – Schweiz: 4:3
Schweiz – Slowenien: 4:1
Schweiz – Ghana: 4:6
Philippinen – Schweiz: 8:2

Secondary Stage
Schweiz – Spanien: 12:1
Schweiz – Namibia: 5:4
Rumänien – Schweiz: 3:4
Schweiz – Indien: 7:3
Belgien – Schweiz: 5:3

Host Cup
Viertelfinal: Schweiz – Slowenien 6:3
Halbfinal: Argentinien – Schweiz 10:5
Kleiner Final: Schweiz – Kirgistan 3:8

Schluss Rang 28!

 

 

Homeless World Cup 2010 in Rio de Janeiro

Das Ziel der Schweizer Nationalmannschaft war, den 38. Platz vom letzten Homeless World Cup in Milano zu verbessern. Dass Teamstütze Eduardo eine Lehrstelle fand und deshalb nicht nach Rio mitkonnte, ist ein grosses Glück für ihn, machte die Aufgabe für die Nati jedoch nicht einfacher. Zu siebt musste der Homeless-Soccer-Zwerg Schweiz nun versuchen gegen die grossen Teams zu bestehen. Und mit dem ehemaligen Weltmeister Russland und Top-Team Litauen wurde den Schweizern in der ersten Gruppenphase gleich zwei mächtige Brocken zugelost.

Im Auftaktspiel gegen die Litauer waren die Schweizer jedoch näher an einer Überraschung als das Schlussresultat von 2:8 vermuten lässt. Die Niederlage war denn auch schnell weggesteckt und die Auftakt-Nervosität gleich mit. Fast schon souverän war die Leistung der Eidgenossen gegen Griechenland. Stehen Helvetien wie Hellas im Grossfeldfussball für mut- und torloses Defensivgeplänkel, spielten die Steetsoccer-Vertreter an der Copacabana mit offenem Visier. Die Schweizer gewannen den so offen wie fair geführten Schlagabtausch 7:1. Um so ärgerlicher am nächsten Tag die Niederlage gegen die Tschechen. Die Schweiz verlor nicht nur die Partie, sondern auch noch Spieler Junior, der vom übereifrigen italienischen Schiedsrichter übertrieben hart mit der blauen Karte vom Platz gestellt wurde und nachträglich auch noch rot sah. Die Niederlage konnte die Schweiz gegen Favorit Russland nicht mehr wettmachen. Sie beendete die erste Gruppenphase auf Rang vier und spielte für den weiteren Turnierverlauf mit den andern Mannschaften der zweiten Tableau-Hälfte.

Die zweite Gruppenphase war ein Wechselbad der Gefühle. Im Penaltyschiessen gegen Ungarn war das Glück auf Schweizer Seite. Gegen Kanada brachten die Schweiz den Ball jedoch trotz unzähligen Chancen im Spiel und drückender Überlegenheit selbst im Penaltyschiessen nicht ins Tor. Die Schweiz beendete die zweite Gruppe auf Rang drei und spielte in der abschliessenden K.O.-Runde um den Community Cup.

Nach gutem Startspiel gegen Kambodscha, das die Schweiz dank dem entscheidenden 6:5 Treffer in letzter Sekunde für sich entschied, verlor die Schweiz danach Spiele wie Spieler. Der strenge Turniermodus brachte die Schweizer mental und physisch an die Grenzen. So stand der sonst so Paradengewaltige Torhüter Marcel stand beim Halbfinal wie erstarrt im Tor. Seine Reflexe schienen im Untergrund der Copacabana versandet. Dass er im letzten Spiel gegen Indien sein Debüt als Feldspieler gab, lag jedoch vor allem daran, dass nur noch zwei Feldspieler einsatzfähig waren.
Die Schweizer haben an der Copacana definitiv alles gegeben und mit dem 36. Schlussrang verdient ihr Ziel erreicht: Gratulation!

Gruppenphase 1:
Litauen – Schweiz           
          8:2
Griechenland – Schweiz           1:7
Tschechien – Schweiz               7:3
Schweiz – Russland                  3:9

Phase 2:

Schweiz – Finnland                   2:7
Ungarn – Schweiz                     3:3 (Sieg nach Penaltyschiessen)
Neuseeland – Schweiz              1:12
Schweiz – Kanada                     1:1 (Niederlage nach Penaltyschiessen)

Community Cup

Viertelfinal            Schweiz – Kambodscha            6:5
Halbfinal            Argentinien – Schweiz                 9:7
Kleiner Final            Schweiz – Indien                    0:7

Gesamtranking: Platz 36

 

 

Homeless World Cup 2009 in Milano

Die Welt in Milano

Die Schweiz hat sich bei ihrer sechsten Homeless World Cup Teilnahme um zehn Plätze verbessert. Das Team feierte am Schluss jedoch Anderes.

Der Auftakt zum Homeless World Cup in Mailand begann für die Schweiz enttäuschend. Hoch motiviert und mit Titelträumen aus dem Trainingslager angereist, kassierte das junge Team zum Auftakt gleich fünf Niederlagen. Den Weltmeistertitel konnte die Surprise Strassensport Nati damit vergessen. Verloren hatten sie nicht nur, weil die Schweiz mit Costa Rica, Schottland, Finnland, Holland und Namibia starke Gruppengegner zugelost bekam. Das Team harmonierte schlecht. Die acht Spieler suchten ihr Glück in Einzelaktionen. Euphorisiert und auch etwas nervös vom Worldcup Trubel vergassen die Schweizer, was ihnen Trainer David Möller die Woche davor eingebleut hatte.

Doch statt frustriert aufzugeben, rauften sich die Schweizer für die zweite Gruppenphase zusammen. Die Nörgel-Egos wurden zu Gunsten des Teamgeistes endlich abgelegt. Die Spieler motivierten sich von nun an gegenseitig und konnten gegen Kambodscha prompt ihren ersten Sieg feiern. Die Schweiz war damit beim Homeless World Cup angekommen.

Es folgten weitere Siege und Niederlagen, aber wichtiger wurde immer mehr, was neben dem Spielfeld ablief. Die Schweizer nutzten die einmalige Gelegenheit, sich mit 500 Spielern aus 48 Nationen auszutauschen. Chile oder auch Namibia waren Stammgäste im Schweizer Zelt des Players Village und Team-Youngster Nathans pubertärer «Potito»-Schlachtruf hallte bald auf dem ganzen Zeltplatz, ähnlich den «Helga»- oder «Bamboulé»-Rufen bei Open airs. An Festival Zeltstädte erinnerten auch die Toi-Toi-Toiletten und Duschen des Camps. Der Spielerlaune konnte das jedoch genauso wenig anhaben wie die bis zu eineinhalb Stunden dauernde Odysee zu den Spielarenen im Parco Sempione. Und selbst dort, beim Herzstück des diesjährigen Homeless World Cup war von fehlenden Match-Uhren und Toranzeigen, bis zu den unfähigen Schiedsricher–Lehrlingen einiges dem Anlass unwürdig. Doch der Enthusiasmus der Spieler machte locker wett, dass die Milaneser Organisation ziemlich versagt hatte.

Den Weltmeistertitel mussten die Schweizer zwar der Ukraine überlassen. Als die Schweizer am Turnierende Medaillen und Schale für den 38. Rang entgegennahmen, war die Freude bei den Spielern trotzdem gross. Weniger, weil sie damit besser abgeschnitten haben, als das letzte Schweizer Team. Nebst neuen Freunden, Erfahrungen und Trikots aus aller Welt, holte sich jeder Spieler einen persönlichen Motivationsschub, um daheim im Alltag wieder nach vorne zu spielen. Vielleicht macht der eine oder andere gar sein Versprechen wahr und ist nächstes Jahr als Volunteer beim 8. Homeless World Cup in Rio de Janeiro.

mehr Infos & Fotos zur Teilnahme der Schweizer finden sie hier: HWC 09 Blog

 

 


Bernard Thurnheer

«Fussball vereinigt alle Menschen. Und es ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, für alle, gerade aber auch für Menschen im sozialen Abseits. Darum finde ich diese Schweizer- und Weltmeisterschaft für Obdachlose eine sehr sinnvolle Sache.»
Bernard Thurnheer